"Sonntag für Guarita" - 35 Jahre der Partnerschaft mit Brasilien

Die Partnerschaft des Dekanats mit dem Indianermissionsrat COMIN der Evangelischen Lutherischen Kirche in Brasilien ist sehr lebendig und beruht auf vielen gegenseitigen Begegnungen.

Heuer jährt sich zum 35. Mal die Partnerschaft mit Guarita. Deshalb fanden am „Sonntag für Guarita" viele Begegnungen mit Gäste aus Brasilien in unserem Dekanat statt. Lesen Sie hier, was Melanie Schwarz uns darüber berichtet:

„Unsere Reise ist Ausdruck des Wunsches, dass Deutsche und Brasilianer im Austausch bleiben, sich gegenseitig ermuntern und voneinander lernen", sagte   Pfarrer Dr. Rodolfo Gaede, der Leiter der brasilianischen Musikgruppe ANIMA, die seit dem 18. Juni in Deutschland ist und noch bis zum 20. Juli Gemeinden besucht, Gottesdienste feiert, singt und musiziert. ANIMA, auf deutsch „Atem des Lebens", wollen mit ihren modernen Kirchenliedern Einblick in die brasilianische Spiritualität geben.

ANIMA, das sind außer Dr. Gaede elf Studierende der theologischen Hochschule der IECLB, der Evangelischen Kirche Lutherischen Bekenntnisses in Brasilien.

In unserem Dekanat war die Gruppe an einem größeren Programm im Rahmen der 35 Jahre der Beziehung zum indigenen Gebiet Guarita. Zu diesem Jubiläum besuchten die höchsten Kirchenvertreter der brasilianischen Evangelischen Kirche den Dekanatsbezirk, darunter Dr. Nestor Friedrich, der Kirchenpräsident der IECLB, Synodalpräsident Otávio Schüller und Pfarrer Dr. Romeu Martini, der Theologische Berater der Leitung der IECLB. Er sowie seinen brasilianische Kollegen Pfr. Dr. Nelson Kilpp, Pfarrer Dr. Rodolfo Gaede und Pfarrer Mauro Schwalm, predigten am „Sonntag für Guarita" in vier Kirchen des Dekanats.

Die Gruppe ANIMA bereicherte mit ihrer Musik den Mitarbeiterempfang in Schwandorf, den Gottesdienst und  das Gemeindefest in Hirschau. Auch im Hauptgottesdienst und im Familiengottesdienst in der Christuskirche sangen und spielten sie.

Mit Liedern und einem Anspiel über den barmherzigen Samariter gestalteten sie den Hauptgottesdienst. In seiner Predigt ging der brasilianische Geistliche auf das Anspiel ein, das in eindrücklicher Weise gezeigt hatte, wie ein Mensch nach einem brutalen Raubüberfall auf dem Boden lag. Passanten gingen gleichgültig an ihm vorüber und fühlten sich sogar von seinen Hilferufen gestört. Schließlich erbarmte sich ein Mensch.

Das Leben, stellte Pfarrer Dr. Gaede fest, ist immer wieder in Gefahr. In Brasilien gibt es viele Überfälle, die meist von Drogenabhängigen verübt werden. Auch der Straßenverkehr in dem südamerikanischen Land sei oft lebensgefährlich, und bedingt durch Armut und Arbeitslosigkeit verliere das Leben für viele Menschen seinen Wert. Dem gegenüber, sagte der Prediger, stehe das gerettete, geliebte Leben. Zu den Menschen gehen, sie aufheben und pflegen, das sei die Aufgabe der fürsorglichen Kirche. Sie wirke seelsorgerlich und diakonisch, sei eine Kirche, wo sich Menschen gegenseitig ermuntern, animieren, begeistern. „Menschen und Gemeinden sollen leben, begeistert leben", und deshalb besuche ANIMA Gemeinden, feiere Gottesdienste und singe mit den Gläubigen. Die Begeisterung der jungen Musiker stecke an, berichtete Dr. Gaede, etwa die Hälfte der Theologiestudenten an seiner Hochschule stammt aus Gemeinden, die ANIMA besucht hat.

„Möge Gott uns nicht nur den Lebenshauch erhalten, sondern uns auch den Lebenswind schenken, damit wir als Kirche, nicht nur in Brasilien und Deutschland, in Nächstenliebe ermuntert, animiert, begeistert leben!", schloss er.

ANIMA sangen Lieder, die auch in Brasilien im Gottesdienst gesungen werden. Dabei begleitete sich die Gruppe mit Gitarren, Piano, Cajón, Akkordeon, E-Bass und Percussion. Der schwungvolle Gesang der gut ausgebildeten, harmonischen Stimmen und die mitreißenden Rhythmen gaben einen kleinen Einblick in die brasilianische Spiritualität. Auf eine Leinwand wurden die Texte in deutscher Übersetzung projiziert, so dass alle Gottesdienstbesucher die Lieder verstehen konnten. Als Abschluss sang ANNIMA einen Irischen Segen erst auf brasilianisch und dann auf deutsch. Hier stimmte auch die Gemeinde mit ein.

Stadtpfarrer Dr. Roland Kurz dankte den Gästen: „Ihr habt eurem Namen Ehre gemacht. Etwas von dem Geist, der lebendig macht, ist herüberkommen." Mit kräftigem Applaus schloss sich die Gemeinde dem Dank an. Viele Gottesdienstbesucher kauften anschließend die CD der Gruppe, um auch zuhause den Lebenshauch zu spüren.

Die Gruppe ANIMA hat durch ihren Lieder, Rythmen und die Freude des Atems des Lebens vielen Menschen in unserem Dekanat was gegeben. Sie selber nehmen auch was mit. Besonders den Besuch in Flossenbürg. „Das war der eindrucksvollster Teil unserer Reise", sagte Dr. Gaede nach dem Besuch der KZ-Gedenkstätte in Flossenbürg. Dekan Karlhermann Schötz, der lange Zeit Pfarrer in Flossenbürg war, führte die südamerikanischen Gäste, in Bayern wirkende brasilianische Austauschpfarrer und Vertreter der Kirchenleitung der IECLB durch das ehemalige Konzentrationslager. Seine Ausführungen übersetzte Prof. Nelson Kilpp, ein Alttestamentler der EST, der zur Zeit in der Ökumenischen Werkstatt in Kassel tätig ist. Dekan Schötz erläuterte das unmenschliche Lagersystem, das den Menschen zur Nummer degradierte. Der Bibelspruch aus Jesaja 43,1b „Fürchte dich nicht, (...) ich habe dich bei deinem Namen gerufen" bekomme hier ganz besondere Bedeutung. Auch auf den evangelischen Theologen und Widerstandskänpfer Dietrich Bonhoeffer ging er ein, der in Flossenbürg ermordet wurde. In der Kapelle „Jesus im Kerker", die nach dem Krieg aus Steinen von Wachtürmen und Baracken gebaut wurde,  sangen die Brasilianer Bonhoeffers Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen" auf portugiesisch. „Ich bin mir sicher, dass wir von jetzt an dieses Lied anders singen werden", sagte Prof. Gaede tief bewegt. „Wir werden im Theologiestudium öfter auf diesen Besuch zurückkommen", fügte er hinzu. „Auch in Lateinamerika gab und gibt es große Grausamkeit gegen Menschen", sagte er nachdenklich und erinnerte an die Geschichte der Kolonisation, an Militärdiktaturen, an die Unterdrückung der indigenen Völker sowie der afrikanischen Sklaven und ihrer Nachkommen.